mit dem großen Wilderer-Prozess des Jahres 1927

Zu meiner Verstärkung ist Detlev Creydt aus Holzminden mitgekommen, renommierter Regionalhistoriker, als gebürtiger Dasseler besser als ich mit der Sollinger Waldgeschichte vertraut. Er wird gegebenenfalls meine lückenhaften Ausführungen ergänzen .

Den Wilderer - Prozess 1927 kann man nicht isoliert betrachten, sondern man muss ihn auf der Folie der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung unserer Region darstellen. Ich werde also zunächst

die Hintergründe und den gesellschaftlichen Rahmen dieses Gerichtsverfahrens skizzieren, um dann in einem zweiten Schritt auf die Dorfbesetzung Anfang Mai 1927 einzugehen, die den Prozess letzten Endes erst möglich machte. Erst wenn wir die Voraussetzungen dieser spektakulären Justiz- und Polizeiaktion dargestellt haben, macht es Sinn den Prozess selber zu analysieren.

Ich stütze mich bei diesem kleinen Vortrag vor allem auf eine Auswertung aller verfügbaren regionalen Tageszeitungen, die regelmäßig über den Prozess berichtet haben. Das waren folgende Blätter (von rechts nach links):

           Göttinger Tageblatt, Niedersächsische Morgenpost, Göttinger

           Zeitung, Göttinger Volksblatt sowie die Sollinger Nachrichten aus Uslar.

           Soweit ich das überblicke, hat die Einbecker Morgenpost die Berichte 

           des Göttinger Schwesternblattes übernommen.

Diese Zeitungen haben auf ganz unterschiedliche Weise über den Prozess und die tatsächlichen bzw. vermeintlichen Wilderer berichtet: Das Tageblatt, damals die größte Regionalzeitung, schrieb eher reißerisch, und übernahm meist die Argumentation der Behörden. Göttinger Zeitung und Morgenpost informierten zurückhaltender. Aber die meisten Blätter verurteilten die Sievershäuser schon vor dem Ende des Prozesses. Allein das Volksblatt bekundete eine gewisse Sympathie mit den Sievershäusern.

Außerdem konnte ich auf einige Kopien von Prozess-Unterlagen zurückgreifen.

Für die Darstellung der Ortsgeschichte stütze ich mich vor allem auf die Studie von Thorsten Quest, der 1979 über die Geschichte der Dörfer Hilwartshausen Sievershausen geforscht hat.

Nicht zuletzt habe ich für den Vortrag zwei Artikel herangezogen und teilweise übernommen, die ich vor einigen Jahren für Buchveröffentlichungen geschrieben habe. (veröffentlicht in den Broschüren „Rebellen des Waldes“ und „Waldleben“)

Die „goldenen“ zwanziger Jahre

Die 1920er Jahre, die man später manchmal als „goldene Jahre“ verklärt hat, waren für die armen Leute aus dem Solling keine Zeit des Honigschleckens.

Obwohl die deutschen Arbeiter und Soldaten 1918 ihren Kaiser nach Holland schickten und eine demokratische Republik erkämpften, war dieser neue „Volksstaat“ nicht frei von zahlreichen Erbkrankheiten. Dazu gehörte unter anderem, dass die Weimarer Demokratie Verwaltung und Justiz des Kaiserreiches übernahm. Die Klassenjustiz, mit der die Sievershäuser 1927 vor dem Göttinger Schöffengericht konfrontiert wurden, hatte überhaupt kein Verständnis für die Sorgen und Nöte der kleinen Leute und urteilte die Leute aus dem Solling als notorische Verbrecher undAufrührer ab.

Auch die Wirtschaft und die Währung des Landes waren durch die hohen Kriegsausgaben nachhaltig geschwächt worden. Nach Kriegsende erkämpften die Arbeiter zwar vielerorts höhere Löhne, -auch die Sollinger Waldarbeiter traten 1919 in den Streik-, die beachtlichen Einkommenszuwächse wurden jedoch durch eine zunächst schleichende und schließlich galoppierende Inflation wieder aufgesogen.

Die größte Errungenschaft der Revolution von 1918 war zweifellos der Acht-Stunden-Tag, der jedoch spätesten ab 1924 in den meisten Betrieben wieder aufgehoben wurde.

Alles in allem gesehen herrschte in den ersten Jahren der Weimarer Republik eine große Unsicherheit in allen Schichten der Bevölkerung An dem eher bescheidene Lebensniveau der Arbeiterschaft in unserer Gegend hatte sich nichts geändert. Die hohen Nahrungsmittelabgaben im Ersten Weltkrieg hatten auch das flache Land spürbar getroffen. Nach dem Krieg raffte die spanische Grippe viele Menschen dahin. Um 1920/21 wurden auch unsere Dörfer von bisher nie gekannten Felddiebstählen heimgesucht. Um diese einzudämmen, bildeten sich in vielen Sollingorten Einwohnerwehren. Bodenfelder und Lippoldsberger Männer, unter ihnen auch angesehene Handwerker und Kaufleute, plünderten die Eisenbahnzüge und nicht selten wurde Vieh gestohlen. Die soziale Krise erreichte im Sommer und Herbst 1923 ihren Höhepunkt. Damals gingen auch in Dassel, Einbeck, Uslar und Holzminden Tausende auf die Straße. In den Städten kam es zu Plünderungen und im Solling wurden Kühe auf der Weide abgeschlachtet.

Auch in Dassel gab es Massendemonstrationen. Die Beschäftigten aller Betriebe legten die Arbeit nieder und forderten vom Magistrat die Beschaffung von billigen Lebensmitteln. In Einbeck wurden Arbeiter von der Schutzpolizei verhaftet und teilweise auch misshandelt.

Wilddieberei an der Tagesordnung

Die Wilderei erlebte in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg eine Art Blütezeit.

In ganz Deutschland wurde aus allen Rohren geschossen, weil in den Wirren des Kriegsendes 1918 viele Soldaten ihre Gewehre mit nach Hause nehmen konnten. Auch im Prozess von 1927 ist immer wieder von Karabinern die Rede, mit denen die Sievershäuser gejagt haben sollen.

Außerdem, und das ist der Hauptgrund, war die Ernährungssituation der Unterschichten so schlecht, dass moralische Skrupel bei der widerrechtlichen Fleischbeschaffung immer geringer wurden.

So melden die Sollinger Nachrichten am 1. Dezember 1921 aus Burgdorf bei Hannover:

Wilddiebereien sind jetzt fast überall im Lande an der Tagesordnung, und Jagdpächter sowie Jagdaufseher haben dabei oft einen schweren Stand.“

Die moralischen Standards haben sich in diesen 1920er Jahren ohnehin rasant verschoben. Wildern ist vor allem bei jungen Leuten kaum anrüchig. Der wichtigste Wilderer in meinem Heimatdorf Lippoldsberg erfreut sich allergrößter Beliebtheit in der Bevölkerung, weil er den weniger Begüterten hin und wieder einen günstigen Braten zukommen lässt.

Von den Behörden wird die „Freijagd“ scharf verfolgt. Vielleicht sogar schärfer als zu Kaisers Zeiten. In den Jahren 1919/20 finden manchmal regelrechte Gefechte zwischen mehreren Förstern und Wilderern statt. Beide Seiten nehmen wenig Rücksichten. Blutopfer gibt es allerdings vor allem auf Seiten der Wilderer.

Angeblich in Notwehr werden mindestens drei von ihnen erschossen.

So wird am 28. Mai 1919 bei einem Gefecht zwischen Wilderern und Förstern bei Uslar ein Wilddieb erschossen. Anfang Juni 1919 stirbt der 48jährige Arbeiter Heinrich Koch aus Dassel im Walde, ebenfalls von einem Förster niedergestreckt. Die Sollinger Nachrichten melden am 3. Juni 1919:

K., der nach Anruf der Aufforderung des betreffenden Jägers nicht nachkam, sondern sein mit Dummdumm-Geschossen geladenes Gewehr auf letzteren abschoss, wurde in der Notwehr durch Schrotkörner so schwer verletzt, dass er mittags verstarb.“

Soweit die offizielle Lesart dieses Konflikts.

Nur ein paar Tage später verwundet ein Jagdpächter aus Lichtenborn einen vermeintlichen Wilderer aus Schlarpe mit einer Ladung Schrot.

Am 14. September 1919 kommt es bei Neuhaus zu einem Zusammenstoß zwischen drei Wilderern und Hegemeister Kurth. Der Förster verletzt den 20jährigen Haussohn Johanning aus Abbecke schwer. Am Tag darauf erliegt er seiner Verwundung. Seine Kumpane, zwei Männer namens Ohm und Sandner aus SIEV können zunächst flüchten. Sie werden später zu dreimonatigen Gefängnisstrafen verurteilt.

Am 25. März 1920 müssen zwei Wilderer aus Schlarpe drei Monate bzw. drei Wochen ins Gefängnis.

Am 28. März 1920 erwischen Förster einen Waldarbeiter aus Abbecke, als er ein Stück Wild beiseite schaffen will.

Die hier zitierten Fälle mögen nur die Spitze des Eisbergs sein. Denn für Polizei und Forstverwaltung war es außerordentlich schwierig, den zahlreichen Wilderern des Sollings auf die Spur zu kommen. Die heimlichen Jäger rekrutierten sich nicht nur aus der so genannten Unterschicht, sondern arbeiteten auch als Handwerker, Kaufleute oder Landwirte. Natürlich waren hier in Sievershausen, aber auch in anderen abgelegenen Walddörfern wie Schönhagen die schlecht verdienenden und schwer arbeitenden Waldarbeiter oftmals Nebenerwerbs-Jäger. Das Volksblatt beschreibt ihre prekäre Arbeits- und Lebenssituation folgendermaßen:

Auch die trostlose soziale Lage treibt Forstarbeiter oftmals zur Wilderei. Man muss sich einmal die ärmlichen Wohnungen dieser Arbeiter ansehen, den kärglichen Lohn in Betracht ziehen und bedenken, dass der größte Teil des erbeuteten Wildes in den Haushaltungen verzehrt wird.

Für die meisten Waldarbeiter war das gelegentliche Wildern – wie bei ihren Vätern und Großvätern im 19. Jahrhundert- ein Resultat ihres sozialen Elends: Sie schossen das Fleisch, das sie sich beim Schlachter nicht leisten konnten.

Aber auch Handwerk und Handel waren in diesen 1920er Jahren nicht auf Rosen gebettet. Auch ganz normale Schlachtereien und Gasthöfe hatten oftmals Kontakte zu einzelnen Wilderern und beschafften sich illegal Fleisch, wie mit der Nachfahre einer alteingesessenen Uslarer Schlachterei erzählte.

Der Ausbau des Verkehrswesens und die guten Kontakte der Sollinger in die nächstgelegenen und auch weiter entfernten Städte wie Hannover ermöglichten sicherlich – auch das soll hier nicht geleugnet werden- auch einen Verkauf von Wildfleisch. Aber das war nicht die Regel.

Wildern ist nicht zuletzt auch in den 1920er Jahren bäuerlicher Selbstschutz.

Schutz gegen die großen Rot- und Schwarzwildbestände des Sollings, die auf den Feldern große Schäden anrichten. In Sievershausen wirft man den Behörden vor, dass sie in den meisten Fällen einen Schadensersatz ablehnen.

Trotz gelegentlicher „Erfolge“ sind Förster und Polizisten lange Zeit nicht in der Lage der Wilderer wirklich Herr zu werden.

Als sich in den Jahren 1924-26 die Wirtschaft von der Inflationskrise erholt, geht auch im Solling die Wilderei zurück. Trotzdem schlägt die Staatsgewalt im Frühjahr 1927 mit großem Aufwand in Sievershäuser gegen tatsächliche und vermeintliche Wilderer zu. Das Dorf galt eben seit alters her als Hochburg der Wilderer.

Deshalb wollte der Staat hier ein Exempel statuieren. Um die Dorfgemeinschaft aufzubrechen, hatte man einen arbeitslosen Spitzel gedungen, dem ein Dauerarbeitsplatz versprochen worden war. Außerdem wurden Hilfsförster Krause aus Abbecke, Dienstort Försterei Lakenhaus, sowie Hilfsförster Ludewig aus Sievershausen gezielt auf Wilderer angesetzt. Die beiden taten sich auch in den Wirtshäusern um und machten lange Ohren, wann immer Männer zusammen saßen. Im Prozess sollten sie als Belastungszeugen aussagen. Nach der Ortsbesetzung werden sie sofort versetzt.

Die Dorfbesetzung im Mai 1927

Die Besetzung ihres Ortes am 1. Mai 1927 kommt für die Sievershäuser Bevölkerung völlig überraschend. Sie erinnert in vielfacher Hinsicht an ähnliche Maßnahmen gegen die Einwohner dieses Dorfes aus dem 19. Jahrhundert, als die Goslarer Jäger des öfteren in Sievershausen für „Ruhe und Ordnung“ sorgen sollten.

Am 1. Mai besetzen Polizeibeamte aus Hannover, Landjäger aus der Region sowie Forstangestellte den Ort. Initiator dieser spektakulären Aktion ist der Einbecker Landrat. Zum Leiter der Maßnahme wurde der Hannoveraner Kriminalbeamte Rätz bestellt. Ihm ging ein großer Ruf voraus. Schließlich hatte er bereits in anderen Gegenden Wilderern erfolgreich das Handwerk gelegt und war an der Verhaftung des Massenmörders Hamann beteiligt gewesen.

Die Beamten nehmen Hausdurchsuchungen bei vermeintlichen Wilderern vor und inhaftieren 30 Männer. Dabei wird vor allem massiv Druck ausgeübt auf die Ehefrauen der vermeintlichen Wilderer. Die Männer werden damit erpresst, dass ihre Frauen verhaftet worden seien. Auf Kranke nimmt niemand Rücksicht. So beschwerte sich die Hebamme Frau Ebbighausen später über das völlig unverhältnismäßige Vorgehen der Beamten bei Hausdurchsuchungen im Hause Windolf, wo die Ehefrau gerade in einer sehr schweren Geburt ein –totes- Kind zur Welt gebracht hatte. Hier nehmen die Beamten an zwei Tagen Hausdurchsuchungen vor. Am 3. Mai um sechs Uhr morgens. „Ich wurde zugezogen“, schreibt Frau Ebbighausen, „und fand die Frau in einer ganz traurigen Lage. So dass ich sie fast tot anfand und Herr Doktor Rittmeier musste zugezogen werden. Es war in dem betreffenden Hause eine große Wühlerei entstanden (...)“

Die dreitägigen Untersuchungen in Sievershausen bringen die gesamte Bevölkerung des Ortes gegen die Beamten auf. In einem Leserbrief an die „Gifhorner Tageszeitung“ schildert ein Sievershäuser den Zorn der Dorfbewohner:

 „Die durch die Kriminalpolizei in Hannover in Verbindung mit der Försterei und der Landjägerei vorgenommenen Feststellungen, bei denen in unzulässiger Weise körperlicher Zwang, Maßnahmen und Drohungen gegen unschuldige Personen – ältere Männer und Frauen- vorgekommen, sind haben in der Einwohnerschaft größte Empörung hervorgerufen. Denn wenn unschuldige Personen mit Gewalt in den Wagen geschleppt und einen ganzen Tag gefangen gehalten werden, um von ihnen Geständnisse und Aussagen zu erpressen, so ist das mindestens ungehörig.“

Der erste Prozess vom 28. Oktober bis 3. November 1927

Am 28. Oktober 1927 beginnt vor dem Erweiterten Schöffengericht zu Göttingen der „große Sollinger Wildererprozess“. In „der Strafsache gegen Wolter und 39 Genossen wegen Jagdvergehens und Hehlerei“ sitzen vor allem Männer aus Sievershausen und Abbecke auf der Anklagebank. Das öffentliche Interesse am Prozess ist groß. In den meisten Zeitungen werden die Angeklagten schon vor Prozessbeginn verurteilt.

Der Eröffnungsbeschluss beschuldigt 29 Angeklagte widerrechtlich , teilweise gewerbsmäßig, die Jagd ausgeübt zu haben. Elf Männer werden der gewerbsmäßigen Hehlerei beschuldigt.

Bereits am ersten Verhandlungstage kommt es des öfteren zu großer Unruhe. Die meisten Angeklagten widerrufen ihre Geständnisse. Sie werfen Kommissar Rätz vor, massiven Druck bei den Vernehmungen ausgeübt zu haben. Das Gericht unter dem Vorsitz von Landgerichtsrat Voigt ist kaum in der Lage, die Beweisaufnahme, in der die 40 Angeklagten und 29 Zeugen vernommen werden, zu bewältigen.

Bei den fortgesetzt widersprechenden Angaben der Angeklagten, bei ihren Geständnissen und Widerrufen, gestaltete sich die Vernehmung überaus schleppend und schwierig“, berichtet die Göttinger Zeitung am 1.November 1927. (...) Im übrigen sind nicht weniger als 320 verschiedene Fälle aufzuklären, bei denen die Angeklagten teils einzeln, teils in Gemeinschaft mit den anderen beteiligt sein sollen.“

Die Angeklagten versuchen, die ihnen zur Last gelegten Vergehen möglichst weit in die Vergangenheit zurück zu verlegen, damit sie als verjährt angesehen werden können. Bei der Vielzahl von Anklagepunkten droht der Prozess mehrfach im Chaos unterzugehen. Alle Beteiligten verloren den Überblick“, resümiert der Berichterstatter des Volksblatts nach den ersten Prozesstagen.

Kommissar Rätz weist alle Vorwürfe der Angeklagten mit Entschiedenheit zurück. Mit allem ihm zu Gebote stehenden Mitteln sei er in Sievershausen vorgegangen. Zunächst habe er alle als Wilderer bekannten Personen im Forsthaus verhört und parallel dazu Hausdurchsuchungen durchgeführt.

Ein Angeklagter widerspricht dem Kriminalbeamten und beschuldigt Rätz einem Waldarbeiter gesagt zu haben, seine Frau sei verhaftet worden. Wenn er gestehe, werde sie wieder freigelassen.

Während das Göttinger Tageblatt den berühmten Kommissar gegen die Angeklagten in Schutz nimmt, hat die Morgenpost den Eindruck, „dass die Polizei offenbar zu schroff vorgegangen zu sein scheint“ (NM, 30.10.).

In der Beweisaufnahme wird auch deutlich, dass die Polizei einen Lockspitzel in Sievershausen eingesetzt hat. Es gelang ihr jedoch nie, auch nur einen Wilderer auf frischer Tat zu fassen. Immerhin konnte der Spitzel in einem Fall einen Mann dazu bewegen, ein Gewehr anzunehmen, dass ursprünglich von der Forstverwaltung stammte.

In einem Fall ist einem vermeintlichen Wilddieb von einem Hilfsförster ein Gewehr hinterlegt worden und dem Angeklagten bestellt worden, wenn er einmal wildern wolle, könne er sich das Gewehr abholen. Der hinterlegende Arbeiter sollte eine stelle als Waldarbeiter bekommen, da er arbeitslos war. Diese Maßnahme wurde getroffen, um einen bestimmten Wilderer abzufangen. Das ist dann auch geschehen.“

Soweit der Reporter des Volksblatts.

Staatsanwalt Dr. Fitz folgt in seinem mehrstündigen Plädoyer am 2. November 1927 allein den Aussagen der Polizisten. Kritik an deren Vorgehensweise in Sievershausen weist er zurück.

Fitz sieht die Angeklagten als eine Gefahr für die Forstbeamten. Da er keine Zweifel an der Rechtmäßigkeit und Richtigkeit der Geständnisse in den Voruntersuchungen hat, beantragt er für die meisten Angeklagten wegen gewerbsmäßigen Wilderns Gefängnisstrafen zwischen zwei Wochen und zwei Jahren, Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte auf die Dauer von drei Jahren und Stellung unter Polizeiaufsicht. Ein Schlachtermeister aus Dassel soll wegen gewerbsmäßiger Hehlerei für ein Jahr ins Zuchthaus. Für sechs Angeklagte fordert der Staatsanwalt Gefängnisstrafen zwischen einem und sechs Monaten wegen Hehlerei.

Vier der Hehlerei bezichtigte Angeklagte sollen wegen mangels an Beweisen freigesprochen werden.

Während der Mittagspause inszeniert die Staatsanwaltschaft eine Art Forstmuseum im Gerichtssaal. Zahlreiche Gewehre, Geweihe und Felle sollen die Schöffen beeindrucken.

Die Verteidiger der Angeklagten, die Rechtsanwälte Muhs, Proskauer, Eckels und von Morsey, stellen die Glaubwürdigkeit der Angeklagten-Geständnisse in Frage. Es fällt ihnen nicht schwer, zahlreiche Widersprüche zwischen den Aussagen der verschiedenen Belastungszeugen herauszuarbeiten.

„Es ist sonderbar“, wundert sich das Volksblatt, „dass die Forstbeamten –und es sind viele bei der Oberförsterei Dassel beschäftigt--, von der Wilddieberei wussten, dass es aber niemals in den vergangenen Jahren geglückt ist, einen der Wilddiebe auf frischer Tat zu ertappen.

Rechtsanwalt Dr. Eckels glaubt, dass „das große Polizeiaufgebot und das ganze Auftreten der Beamten die Angeklagten eingeschüchtert“ habe.

Rechtsanwalt Proskauer warnt das Gericht vor einer Kollektivverurteilung „der Sievershäuser“. Eckels und Proskauer beantragen für ihre Mandanten „Freispruch wegen mangels an Beweisen“.

Die Rechtsanwälte von Morsey und Muhs kommen zu dem Ergebnis, dass die Staatswaltschaft in vielen Fällen fehlgegriffen habe und weisen deren Strafanträge als unangemessen hoch zurück.

Nach einem fünftägigen, teilweise turbulenten Prozess verkündet Landgerichtsrat Voigt am Abend des 3. November 1927 die mit großer Spannung erwarteten Urteile. Bereits am Nachmittag dieses Tages hatte sich eine große Menschenmenge vor dem Gerichtsgebäude eingefunden, der jedoch keine Einlass gewährt wurde. Die Angeklagten werden ale sorgfältig nach Waffen abgesucht, da das Gerücht aufgekommen war, einer trüge einen Revolver bei sich.

Obwohl die Urteile teilweise weit über die Anträge der Staatsanwaltschaft hinausgehen, bleiben die Angeklagten bei der Urteilsverkündung ruhig und gelassen. Die Strafen fallen deshalb vergleichsweise hoch aus, weil das Gericht in zahlreichen ?Fällen –oft auf einer sehr wackligen Beweisführung- gewerbsmäßiges Wildern unterstellt.

Bei vier Angeklagten wird das Verfahren eingestellt, da das Gericht nichtmehr feststellen konnte, wann die ihnen zur Last gelegten Vergehen begangen worden sind.

Sechs Angeklagte werden freigesprochen, weil sich kein schuldhaftes Verhalten nachweisen ließ.

Fünf Angeklagte werden zu Geldstrafen zwischen 30 und 100 Mark verurteilt.

Am schwersten bestraft wird ein Schlachter aus Dassel, der wegen gewerbsmäßiger Hehlerei für ein Jahr ins Zuchthaus soll.

Zwei Kaufleute und ein Händler aus Dassel müssen wegen Hehlerei für mehrere Monate ins Gefängnis.

Ein Landwirt aus Sievershausen, dem das Gericht gewerbsmäßige Wilderei in 13 Fällen glaubt nachweisen zu können, muss für diese Vergehen mit drei Jahren Gefängnis büßen.

Ein Tierpräparator aus Abbecke soll für 14 Vergehen ebenfalls drei Jahre ins Gefängnis.

„Gewerbsmäßigen Wilderns“ unterstellt das Gericht außerdem 14 weiteren Angeklagten. Sie sollen dafür für mehrere Monate ins Gefängnis.

Für „einfaches Wildern“ bzw. „Begünstigung“ der Angeklagten verhängt das Gericht in fünf Fällen milde Gefängnisstrafen von einigen Wochen bzw. Geldstrafen.

„Schweren Diebstahl“ ahndet das Schöffengericht in einem Fall mit sechs Monaten, in einem anderen mit drei Monaten Gefängnis.

Die Angeklagten sind von den hohen Urteilen geschockt. Noch im Gerichtssaal protestieren einige von ihnen gegen ihre Bestrafung. Entscheidend für die hohen Strafen ist einmal, dass das Gericht einzig und allein den Aussagen des Kriminalkommissars Rätz Glauben schenkte. Zum anderen konstruierten die Juristen aus Fällen, die mehrere Jahre auseinander lagen „ein fortgesetztes Delikt“. Mit dieser fragwürdigen Vorgehensweise konnte man gleich   zahlreichen Angeklagten „gewerbsmäßiges Wildern“ unterstellen. 

Der Revisionsprozess 7. bis 9. Juni 1928

15 Angeklagte aus dem Sollinger Wilderer-Prozess legen Berufung gegen ihre harten Strafen ein. Obwohl das Gericht teilweise über die Anträge der Staatsanwaltschaft hinaus gegangen war, hatte auch diese Berufung eingelegt.

Am 7. Juni1928 tritt die Große Göttinger Strafkammer zur Revisions-Verhandlung im großen Schwurgerichtssaal des Göttinger Gerichtsgebäudes zusammen. Die Publizität dieses Prozesses ist weitaus geringer als im Herbst 1927. Die Fülle des Verhandlungsmaterials bereitet allen Beteiligten jedoch auch diesmal wieder große Schwierigkeiten.

Den Vorsitz der Kammer führt Landgerichtsdirektor Polchau, Dr. Fritz vertritt wieder die Anklage.

Auch im Revisionsprozess bringt die Verteidigung wieder die Vorgehensweise der Hannoveraner Kripo in Sievershausen zur Sprache. Der Gemeindevorsteher des Dorfes sagt aus, im Mai 1927 sei „das ganze Dorf empört gewesen, denn um einen Mord würde sicher nicht soviel gelaufen wie um die paar geschossene Rehe.“

Kommissar Rätz bestreitet wieder alle Vorwürfe, muss aber einräumen, in einem Fall einen Beschuldigten belogen zu haben.

Am zweiten Verhandlungstag bekundet ein früherer Forstbeamter, dass den Waldarbeitern manchmal ein Deputat in der Weise gewährt worden sei, dass man ihnen ganze Stücke Wild überlassen habe, über die sie nach Belieben befinden konnten.

In seinem Plädoyer beantragt Staatswalt Dr. Fitz in einigen Fällen höhere Strafen, in anderen zieht er die von ihm eingelegte Revision zurück.

Die Verteidiger versuchen wieder die Glaubwürdigkeit der Geständnisse ihrer Mandanten bei den -in ihren Augen unrechtmäßigen- Befragungen in Sievershausen zu erschüttern und monieren wieder das brutale Vorgehen der Polizei. Sie plädieren wie im ersten Prozess für mildere Strafen bzw. Freispruch.

Das Gericht konstatiert eine richtige Beurteilung der Sachlage in der ersten Instanz. Die teilweise beträchtlichen Urteilsänderungen führt die Große Strafkammer „auf geringe Abweichungen in der neuen Beweisaufnahme“ zurück. Das klingt nicht sehr glaubwürdig.

Im Einzelnen sehen die endgültigen Urteile der zweiten Instanz folgendermaßen aus:

Der Terrazzoleger Karl Wolter aus Hannover muss wegen einfachen Wilderns für 3 Monate ins Gefängnis.

Der Waldarbeiter Heinrich Thiemann aus Sievershausen bekommt wegen gewerbsmäßigen Wilderns in 11 Fällen eine Gefängnisstrafe von einem Jahr und sechs Monaten aufgebrummt.

Der Händler Wilhelm Thiemann (Sievershausen) erhältt wg. gewerbsmäßigen Wilderns in 8 Fällen 10 Monate Gefängnis

Der Maurer August Schwertfeger (Sievershausen) wird wg gewerbsmäßigen Wilderns in 7 Fällen und einem Fall der Hehlerei mit 10 Monaten Gefängnis bestraft.

Dem Invaliden Karl Leibeling.aus Northeim konnten in einem Fall Wildern und in einem Fall Hehlerei nachgewiesen werden. Dafür erhält er 2 Monate Gefängnis.

Der Waldarbeiter Karl Schwertfeger (Sievershausen) soll wg. Gewerbsmäßigen Wilderns in 3 Fällen und 1 Fall Begünstigung für 4 Monate ins Gefängnis.

Der Präparator Otto Bremer (Abbecke) wird wg. Gewerbsmäßigen Wilderns in 13 Fällen zu einem Jahr und 6 Monaten Gefängnis verurteilt.

Die gleiche Strafe erhält der Musiker Heinrich Assmann (Sievershausen) für gewerbsmäßiges Wildern in 13 Fällen.

Waldarbeiter Gustav Ebbighausen (Sievershausen) soll für gewerbsmäßiges Wildern in 10 Fällen für 10 Monate ins Gefängnis.

Landwirt Karl Melching (Abbecke) bekommt für 14 nachgewiesene Fälle 1 Jahr und 3 Monate Gefängnis.

Die Berufung des Schlachters Friedrich Schmidt aus Dassel, der in erster Instanz zu 1 Jahr Zuchthaus wg. gewerbsmäßiger Hehlerei verurteilt wurde, und des Angeklagten August Melching aus Abbecke, der in erster Instanz wg gewerbsmäßigen Wilderns zu 6 Monaten Gefängnis verurteilt worden war, werden verworfen.

Den Terrazzoleger Heinrich Bruhns aus Hannover wird freigesprochen. Die Verfahren gegen Franz Schwertfeger und Gottlieb Oppermann werden wegen Verjährung eingestellt.

Waldarbeiter Karl Schulte kommt wegen einfachen Wilderns mit 4 Monaten Gefängnis auf Bewährung davon, Heinrich Wolters, muss immerhin 1von 4 Monaten Gefängnis absitzen, dann greift die Bewährung.

Fazit

Fassen wir zusammen:

1) In der wirtschaftlichen und sozialen Umbruchzeit nach dem Ersten Weltkrieg ist Wildern in ganz Deutschland an der Tagesordnung. Auch in den Walddörfern des Sollings gehen etliche Männer aus sozialer Not heimlich auf die Pirsch.

2) Bei der Besetzung Sievershausens Anfang Mai 1927 wandelt die Staatmacht am Rande der Rechtsstaatlichkeit. Geständnisse werden teilweise erpresst. Die Inhaftierung von 30 vermeintlichen Wilderern ist völlig unverhältnismäßig und entbehrt einer rechtlichen Grundlage.

3) Der erste große Sollinger Wilderer-Prozess hat vor allem politische Hintergründe. Die Angeklagten sind schon vorverurteilt, bevor sie den Gerichtssaal betreten haben.

Alle Entlastungszeugen der Verteidigung ignoriert das Gericht. Die Urteile sind vergleichsweise sehr hoch. Sie basieren vor allem auf fragwürdigen juristischen Konstruktionen. „Gewerbliches Wildern“ ist kaum einem Angeklagten nachzuweisen.

4) Der Revisionsprozess im Sommer 1928 schwächt die äußerst fragwürdigen Urteile des Vorjahres lediglich ab, hebt sie aber nicht auf.

5) Für das Dorf Sievershausen bedeuten die beiden Prozesse eine nachhaltige Stigmatisierung als exotisches „Wilddiebsnest“. Die großen sozialen Probleme seiner Bewohner werden weder vom Gericht noch von Sensationspresse zur Kenntnis genommen.

 

Detlef Creydt, Holzminden, referierte über die Recherchen zu seinem neuen Buch: “Der Solling und seine Wilderer“